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Overgeneration: Kappen und speichern

31.03.2026
Der rasante Ausbau erneuerbarer Energien führt auch in Italien immer häufiger zu einer “Overgeneration” von elektrischer Energie. Anders gesagt: Es wird – vor allem aus den nicht programmierbaren Energiequellen Wind und Sonne – in bestimmten Zeitfenstern deutlich mehr Strom erzeugt als gleichzeitig verbraucht wird. Schon 2025 gab es „kritische“ Situationen, in denen die Stromnachfrage in Italien zirka 19 Gigawatt betrug, während die Erzeugung erneuerbarer Energie bis auf 30 Gigawatt anstieg. Diese "Schere" zwingt das Netzmanagement zu Eingriffen, um die Stabilität des Versorgungssystems zu gewährleisten.

Der staatliche Netzbetreiber Terna reagiert jetzt mit einem zweistufigen Maßnahmenpaket. Kurzfristig setzt Terna auf Flexibilitäts- und Abschaltmechanismen. Bereits im vergangenen Jahr wurde – in „kritischen“ Zeitfenstern – die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien in das gesamtstaatliche Netz reduziert, wenn auch in sehr geringem Umfang von rund 0,3 Prozent der Gesamtproduktion. Auch für das laufende Jahr zeichnet sich ein erhöhter Handlungsbedarf ab: Trotz unveränderter Nachfrage rechnet Terna in diesem Jahr – im Vergleich zu 2025 – mit 8.000 Megawatt an zusätzlicher Ökostromkapazität.

Ein erster Belastungstest könnte das kommende Osterwochenende darstellen. Bei günstigen Wetterbedingungen plant Terna, zeitweise bis zu 14.000 Megawatt Leistung aus erneuerbaren Energiequellen vom nationalen Netz zu nehmen. Diese Eingriffe betreffen sowohl das Hochspannungsnetz als auch - etwa mit der Implementierung von neuen Überwachungs- und Fernabschaltungssystemen für kleinere Solar- und Windkraftwerke - Erzeugungsanlagen im Mittelspannungsbereich. Letztere spielen eine immer wichtigere Rolle für die Systemstabilität, da sie dezentral einspeisen und bislang nur eingeschränkt steuerbar waren. Perspektivisch sollen diese Interventionsmöglichkeiten in Zukunft auch auf Anlagen im Niederspannungsnetz ausgeweitet werden – bislang scheitert dies allerdings noch an den sicherheitstechnischen Anforderungen.

Parallel dazu setzt Terna auf die Aktivierung der Nachfrageseite. Großverbraucher sollen durch finanzielle Anreize motiviert werden, ihren Stromverbrauch gezielt in Zeiten hoher Energieproduktion zu verlagern – etwa an die Wochenenden im Frühjahr. In solchen Phasen können die Strompreise aufgrund des großen Angebots auf nahezu null oder in den negativen Bereich fallen.

Regulatorisch unterscheidet sich Italien von anderen europäischen Ländern. So verfügt Terna über das Recht, die Einspeisung erneuerbarer Energien auch präventiv – und nicht nur bei „Notfällen“ – zu reduzieren, wenn dies der Systemsicherheit dient. Ein zentrales Element ist der Ausbau von Speichertechnologien. Mit dem neuen MACSE-Mechanismus (Meccanismo di Approvvigionamento di Capacità di Stoccaggio Elettrico) hat Italien langfristige Kapazitätsverträge für Batteriespeicher eingeführt – das erste Programm dieser Art in Europa. Über drei Auktionsrunden soll MACSE bis zu 50 GWh Speicherkapazität fördern. Die Gewinner der ersten 10-GWh-Auktion wurden am 1. Oktober 2025 bekannt gegeben, wobei die Nachfrage das Angebot um das Vierfache überstieg. Eine weitere Ausschreibung über 16 Gigawattstunden ist in Vorbereitung.

Damit zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab: Die Energiewende erfordert nicht nur mehr grüne Erzeugung, sondern vor allem intelligente Steuerung, flexible Nachfrage und massive Investitionen in Speicher. Italien stellt dafür nun die Weichen.
 
 
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