MENU
 

Geothermie: Europas heißer Schatz

18.02.2026
Europa sitzt auf einem bislang unterschätzten Energieschatz: heißem Gestein tief unter der Erde. Neue Technologien machen es möglich, diese Wärme zunehmend für die Stromerzeugung zu nutzen – kostengünstig, klimafreundlich und rund um die Uhr verfügbar. Geothermie könnte damit - laut einer Analyse des Londoner Energie-Think-Tanks Ember - zu einer tragenden Säule der europäischen Energiewende werden. Doch noch fehlt der politische Wille, um dieses Potenzial vollständig auszuschöpfen.

Lange galt Geothermie als Energiequelle für privilegierte Regionen – etwa Island oder vulkanisch aktive Gebiete in Südeuropa. Dort sorgen natürliche Wasservorkommen und durchlässige Gesteinsschichten für einen einfachen Zugang zur Erdwärme.

Doch dieses Bild ist überholt. Moderne Bohrtechniken ermöglichen es heute, auch in dichtem und trockenem Gestein künstliche Wasserwege zu schaffen. Diese „Next-Generation“-Technologien erweitern den möglichen Einsatzraum erheblich. Geothermie ist damit nicht mehr auf Sonderstandorte beschränkt, sondern in weiten Teilen Europas realisierbar.

Die Ember-Analyse zeigt: In der Europäischen Union könnten rund 43 Gigawatt Geothermie-Kapazität zu Kosten von unter 100 Euro pro Megawattstunde erschlossen werden. Das entspricht in etwa den aktuellen Gestehungskosten von Kohle- und Gaskraftwerken. Besonders groß ist das Potenzial in Ungarn, gefolgt von Polen, Deutschland und Frankreich. Würde dieses Potenzial genutzt, könnten jährlich mehr als 300 Terawattstunden Strom erzeugt werden – etwa 42 Prozent der heutigen Kohle- und Gasstromproduktion in der EU. Ein entscheidender Vorteil: Geothermiekraftwerke benötigen keinen Brennstoff. Sie sind unabhängig von Gaspreisen, Lieferketten und geopolitischen Krisen. Gleichzeitig verursachen sie kaum CO₂-Emissionen.

Während Wind- und Solarenergie vom Wetter abhängen, liefert Geothermie konstant Strom – Tag und Nacht, Sommer wie Winter. Fachleute sprechen daher von „grundlastfähiger“ Energie. Darüber hinaus kann überschüssiger Strom aus Wind oder Sonne in modernen Anlagen indirekt im Untergrund „gespeichert“ werden, indem mehr Wasser in heiße Gesteinsschichten gepumpt wird. Später lässt sich die gespeicherte Wärme  - wie in einem Pumpspeicherkraftwerk - wieder abrufen. Simulationen zeigen, dass die Speicherfunktion ähnlich effizient sein kann wie Lithium-Ionen-Batterien – jedoch zu geringeren Zusatzkosten.

Der größte Kostenfaktor bei Geothermieprojekten ist das Bohren. Tiefe von mehreren Kilometern sind keine Seltenheit. Doch auch hier gab es in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte. Techniken aus der Öl- und Gasindustrie haben die Kosten für Bohrungen um rund 40 Prozent gesenkt. Dadurch werden immer tiefere und heißere Gesteinsschichten nutzbar. Während früher Bohrungen von ein bis drei Kilometern üblich waren, erreichen neue Projekte bereits Tiefen von über 4.000 Metern. Einige Anlagen nähern sich sogar der 5.000-Meter-Marke – und beweisen, dass diese Technologie bereits heute marktreif ist.

Geothermie kann noch mehr als Elektrizität liefern. In vielen Förderwässern befinden sich relevante Mengen an Lithium – ein zentraler Rohstoff für Batterien. Neue Extraktionsverfahren ermöglichen es, bis zu 95 Prozent dieses Lithiums aus den sogenannten Solewässern zurückzugewinnen. Im Vergleich zum klassischen Bergbau verbraucht diese Methode deutlich weniger Wasser und verursacht kaum Emissionen. Europa könnte so seine Abhängigkeit von Lithium-Importen reduzieren

Ein neuer Treiber für Geothermie könnte die Digitalwirtschaft sein. Rechenzentren für Künstliche Intelligenz und Cloud-Dienste verbrauchen inzwischen enorme Mengen Strom. Ihr Bedarf könnte sich bis Anfang der 2030er Jahre weltweit mehr als verdoppeln. Geothermie eignet sich besonders gut für diese  energieintensive Datenspeicher: Sie liefert dauerhaft verfügbare Energie direkt vor Ort. In den USA versorgen bereits erste Projekte große Tech-Unternehmen mit Erdwärmestrom.

Historisch war Europa ein Vorreiter der Geothermie. Schon 1904 wurde in Italien - zum ersten Mal überhaupt - Strom aus Erdwärme erzeugt. Heute betreiben europäische Länder rund 150 Geothermie-Anlagen. Doch der Vorsprung schrumpft. Während die USA und Kanada massiv investieren, stockt der Ausbau in der EU. Genehmigungsverfahren sind langwierig, Förderprogramme uneinheitlich, eine gemeinsame Strategie fehlt. Die Folge: Wissen, Lieferketten und Investitionen verlagern sich zunehmend ins Ausland. Europa droht, eine Technologie zu verlieren, die es selbst mitentwickelt hat.

Technologisch ist Geothermie - laut Ember - bereit für den großen Durchbruch. Sie ist wettbewerbsfähig, klimafreundlich und systemrelevant. Sie kann Gas ersetzen, Industrie absichern und die Energiewende stabilisieren. Die entscheidende Frage ist daher nicht mehr, ob Europa über genug Wärme im Untergrund verfügt. Sondern ob es den Mut hat, sie zu nutzen.

Der Link zur Ember-Studie: https://ember-energy.org/latest-insights/hot-stuff-geothermal-energy-in-europe/
 
 
Zurück zur Liste