Der Strom-Kontinent
24.09.2025
Offene Grenzen sind auf den Strommärkten nicht nur eine Option – sie sind einfach unerlässlich. Der europäische Stromverbund ist das größte zusammenhängende Stromnetz der Welt. Das „Kernnetz“ reicht von Portugal im Westen bis in die Türkei im Osten, von Dänemark im Norden bis nach Griechenland im Süden. Zusätzlich sind auch die Netze nordafrikanischer Staaten wie Marokko, Algerien und Tunesien angeschlossen. Daneben betreiben Großbritannien, Irland und die skandinavischen Länder eigenständige Netze, die über Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungen mit dem zentraleuropäischen Stromnetz verbunden sind. Grenzüberschreitende Strom-Highways haben in den vergangenen fünf Jahren drei großflächige Blackouts und seit 2022 den Zusammenbruch der Stromversorgung in der Ukraine verhindert. Das berichtet die internationale Denkfabrik EMBER in ihrer am 24. September erschienenen Studie “New lines of defence: how interconnectors keep the lights on”.
Zwei der durch den europäischen Stromverbund verhinderten potenziellen Blackouts betrafen Polen. So führte am 17. Mai 2021 ein menschlicher Fehler zu einem Kurzschluss im Umspannwerk Rogowiec. Da die im angrenzenden Kohlekraftwerk Bełchatów produzierte elektrische Energie nicht mehr abgenommen wurde, gingen durch eine Notabschaltung zehn von 13 Kraftwerksblöcken mit einer Gesamtleistung von zirka 3,5 GW vom Netz. Dieser Leistungsverlust sorgte für einen Frequenzabfall bis auf 49,84 Hz im Europäischen Verbundnetz. In Kontinentaleuropa liegt die Frequenz des Wechselstroms bei fast genau 50 Hz. Das bedeutet, dass der Strom in einer Sekunde 100-mal seine Fließrichtung ändert. Die Frequenz bleibt stabil, wenn im ganzen Netz genauso viel Strom eingespeist wird, wie verbraucht wird. Sie darf 49,8 Hz nicht unterschreiten und 50,2 Hz nicht überschreiten. Sinkt oder steigt die Frequenz im Netz zu stark, beeinflusst dies die Funktion zahlreicher elektrischer Geräte. Auch die Generatoren der angeschlossenen Kraftwerke können im schlimmsten Fall beschädigt werden. Das 5.300-MW-Kraftwerk Bełchatów in Polen ist das größtekohlebefeuerte Kraftwerk in Europa. Das Kraftwerk ist seit 1988 in Betrieb. Mit seinen 13 Braunkohlekraftwerksblöcken erzeugt das Kraftwerk 32,3 TWh Strom pro Jahr, was etwa 20 Prozent der gesamten polnischen Stromerzeugungskapazität entspricht.
Durch das Abrufen der Leistung von Pumpspeicherkraftwerken und die Aktivierung der rotierenden thermischen Reserve von betriebsbereiten Kraftwerken sowie durch massive Energieimporte aus Tschechien, der Slowakei und Deutschland (4,5 GW) konnte das polnische Stromversorgungssystem stabilisiert werden.
In der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 2020 kam es in der polnischen Region Łódź zu starken Regenfällen. Diese Regenfälle überfluteten eine der Aufkohlungshalden des Kraftwerks Bełchatów und unterbrachen die Kohleversorgung für die Kraftwerksblöcke 5,6,7 und 8. Damit gingen plötzlich 1.5 GW der Nominalleistung des Kraftwerks vom Netz. Auch andere polnische Kraftwerke mussten die Stromerzeugung – ebenfalls witterungsbedingt – drosseln. Der gesamte Produktionsausfall betrug 5,7 GW (ein Viertel der damaligen Spitzenlast). Der Übertragungsnetzbetreiber PSE musste drei GW Megawatt aus Schweden, Deutschland, Tschechien, der Slowakei und Litauen importieren und fast alle Notfall-Kohlekraftwerke des Landes aktivieren.
2022 musste Frankreich zahlreiche Kernkraftwerke aufgrund von Wartungszwecken, die in der Corona-Pandemie nicht ausgeführt werden konnten, oder aufgrund von technischen Störungen vom Netz nehmen. Die Stromproduktion sank um 15 Prozent (von 550 TWh auf 468 TWh), und das Land wandelte sich von einem Nettoexporteur (42 TWh im Jahr 2021) zu einem Nettoimporteur (17 TWh). Das Ausmaß der Importe wuchs bis auf elf GW – und damit 75 Prozent des gesamten grenzüberschreitend verfügbaren europäischen Stroms. In Spitzenzeiten deckten Importe bis zu 17 Prozent der französischen Nachfrage ab. Je höher die grenzüberschreitende Importkapazität, desto besser können Nachbarländer in Notsituationen helfen. Das Verhältnis von Importkapazität zur Spitzenlast reicht von nur 12 Prozent in Polen bis fast 200 Prozent in Lettland. Addiert man Länder mit drei oder weniger Importverbindungen und einer Importquote von nur bis zu 25 Prozent, sind heute bis zu 55 Prozent des europäischen Stromsystems gefährdet. Besonders exponiert sind Spanien, Irland und Finnland.
Vor 2022 war die Ukraine im Bereich der Stromversorgung mit Russland und Belarus synchronisiert. Nach Beginn der Invasion erfolgte in Rekordzeit (drei Wochen) die Synchronisierung mit dem europäischen Kernnetz. Bis zum Mai 2024 waren in der Ukraine 70 Prozent der thermischen Erzeugungskapazität beschädigt oder besetzt. 2024 wurden deshalb insgesamt 4 TWh aus Westeuropa importiert – vor dem Krieg exportierte das Land 2 TWh pro Jahr nach Russland und Belarus. Auch Moldau synchronisierte sich 2022 mit dem europäischen Netz. Ende 2024 stellte Russland die Gasversorgung für größte Kraftwerk in diesem Land ein, um Moldau vor den Präsidentschaftswahlen zu destabilisieren. Moldau bezog daraufhin bis zu 62 Prozent seines Strombedarfs aus Rumänien. Neue Stomtrassen wie das Projekt Vulcănești–Chișinău (Ende 2025) sollen in Zukunft Moldaus Energieversorgung absichern.
Litauen, Lettland und Estland haben sich am 9. Februar 2025 im Bereich der Stromversorgung ebenfalls vollständig von Russland abgekoppelt und in das europäische Netz integriert. Die Entkopplung der baltischen Staaten von Russland wurde durch neue grenzüberschreitende Verbindungen zwischen Polen und Litauen (LitPol Link) sowie zwischen Estland und Lettland ermöglicht, ebenso durch bestehende Verbindungen zwischen Estland und Finnland (Est Link und Est Link 2) sowie zwischen Litauen und Schweden (NordBalt).Um die Energiesicherheit des Baltikums weiter zu stärken, wird zudem eine neue Stromverbindung zwischen Litauen und Polen geplant. Die Inbetriebnahme dieses Harmony Links soll 2030 erfolgen.
Die internationale Denkfabrik Ember sammelt und analysiert mit modernster Technologie Daten zum globalen Energiesektor und zum Klimaschutz und macht Forschungsergebnisse so transparent wie möglich zugänglich. Ember wurde 2008 gegründet und konzentrierte sich zunächst auf die Analyse, Überwachung und Reform des EU-Kohlenstoffmarktes. Mit Stromanalysten und anderen Mitarbeitern ist Ember in der EU, in Großbritannien, der Türkei, Indien, China und in Indonesien vertreten.
Der Link zur Studie New lines of defence: how interconnectors keep the lights on
Zwei der durch den europäischen Stromverbund verhinderten potenziellen Blackouts betrafen Polen. So führte am 17. Mai 2021 ein menschlicher Fehler zu einem Kurzschluss im Umspannwerk Rogowiec. Da die im angrenzenden Kohlekraftwerk Bełchatów produzierte elektrische Energie nicht mehr abgenommen wurde, gingen durch eine Notabschaltung zehn von 13 Kraftwerksblöcken mit einer Gesamtleistung von zirka 3,5 GW vom Netz. Dieser Leistungsverlust sorgte für einen Frequenzabfall bis auf 49,84 Hz im Europäischen Verbundnetz. In Kontinentaleuropa liegt die Frequenz des Wechselstroms bei fast genau 50 Hz. Das bedeutet, dass der Strom in einer Sekunde 100-mal seine Fließrichtung ändert. Die Frequenz bleibt stabil, wenn im ganzen Netz genauso viel Strom eingespeist wird, wie verbraucht wird. Sie darf 49,8 Hz nicht unterschreiten und 50,2 Hz nicht überschreiten. Sinkt oder steigt die Frequenz im Netz zu stark, beeinflusst dies die Funktion zahlreicher elektrischer Geräte. Auch die Generatoren der angeschlossenen Kraftwerke können im schlimmsten Fall beschädigt werden. Das 5.300-MW-Kraftwerk Bełchatów in Polen ist das größtekohlebefeuerte Kraftwerk in Europa. Das Kraftwerk ist seit 1988 in Betrieb. Mit seinen 13 Braunkohlekraftwerksblöcken erzeugt das Kraftwerk 32,3 TWh Strom pro Jahr, was etwa 20 Prozent der gesamten polnischen Stromerzeugungskapazität entspricht.
Durch das Abrufen der Leistung von Pumpspeicherkraftwerken und die Aktivierung der rotierenden thermischen Reserve von betriebsbereiten Kraftwerken sowie durch massive Energieimporte aus Tschechien, der Slowakei und Deutschland (4,5 GW) konnte das polnische Stromversorgungssystem stabilisiert werden.
In der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 2020 kam es in der polnischen Region Łódź zu starken Regenfällen. Diese Regenfälle überfluteten eine der Aufkohlungshalden des Kraftwerks Bełchatów und unterbrachen die Kohleversorgung für die Kraftwerksblöcke 5,6,7 und 8. Damit gingen plötzlich 1.5 GW der Nominalleistung des Kraftwerks vom Netz. Auch andere polnische Kraftwerke mussten die Stromerzeugung – ebenfalls witterungsbedingt – drosseln. Der gesamte Produktionsausfall betrug 5,7 GW (ein Viertel der damaligen Spitzenlast). Der Übertragungsnetzbetreiber PSE musste drei GW Megawatt aus Schweden, Deutschland, Tschechien, der Slowakei und Litauen importieren und fast alle Notfall-Kohlekraftwerke des Landes aktivieren.
2022 musste Frankreich zahlreiche Kernkraftwerke aufgrund von Wartungszwecken, die in der Corona-Pandemie nicht ausgeführt werden konnten, oder aufgrund von technischen Störungen vom Netz nehmen. Die Stromproduktion sank um 15 Prozent (von 550 TWh auf 468 TWh), und das Land wandelte sich von einem Nettoexporteur (42 TWh im Jahr 2021) zu einem Nettoimporteur (17 TWh). Das Ausmaß der Importe wuchs bis auf elf GW – und damit 75 Prozent des gesamten grenzüberschreitend verfügbaren europäischen Stroms. In Spitzenzeiten deckten Importe bis zu 17 Prozent der französischen Nachfrage ab. Je höher die grenzüberschreitende Importkapazität, desto besser können Nachbarländer in Notsituationen helfen. Das Verhältnis von Importkapazität zur Spitzenlast reicht von nur 12 Prozent in Polen bis fast 200 Prozent in Lettland. Addiert man Länder mit drei oder weniger Importverbindungen und einer Importquote von nur bis zu 25 Prozent, sind heute bis zu 55 Prozent des europäischen Stromsystems gefährdet. Besonders exponiert sind Spanien, Irland und Finnland.
Vor 2022 war die Ukraine im Bereich der Stromversorgung mit Russland und Belarus synchronisiert. Nach Beginn der Invasion erfolgte in Rekordzeit (drei Wochen) die Synchronisierung mit dem europäischen Kernnetz. Bis zum Mai 2024 waren in der Ukraine 70 Prozent der thermischen Erzeugungskapazität beschädigt oder besetzt. 2024 wurden deshalb insgesamt 4 TWh aus Westeuropa importiert – vor dem Krieg exportierte das Land 2 TWh pro Jahr nach Russland und Belarus. Auch Moldau synchronisierte sich 2022 mit dem europäischen Netz. Ende 2024 stellte Russland die Gasversorgung für größte Kraftwerk in diesem Land ein, um Moldau vor den Präsidentschaftswahlen zu destabilisieren. Moldau bezog daraufhin bis zu 62 Prozent seines Strombedarfs aus Rumänien. Neue Stomtrassen wie das Projekt Vulcănești–Chișinău (Ende 2025) sollen in Zukunft Moldaus Energieversorgung absichern.
Litauen, Lettland und Estland haben sich am 9. Februar 2025 im Bereich der Stromversorgung ebenfalls vollständig von Russland abgekoppelt und in das europäische Netz integriert. Die Entkopplung der baltischen Staaten von Russland wurde durch neue grenzüberschreitende Verbindungen zwischen Polen und Litauen (LitPol Link) sowie zwischen Estland und Lettland ermöglicht, ebenso durch bestehende Verbindungen zwischen Estland und Finnland (Est Link und Est Link 2) sowie zwischen Litauen und Schweden (NordBalt).Um die Energiesicherheit des Baltikums weiter zu stärken, wird zudem eine neue Stromverbindung zwischen Litauen und Polen geplant. Die Inbetriebnahme dieses Harmony Links soll 2030 erfolgen.
Die internationale Denkfabrik Ember sammelt und analysiert mit modernster Technologie Daten zum globalen Energiesektor und zum Klimaschutz und macht Forschungsergebnisse so transparent wie möglich zugänglich. Ember wurde 2008 gegründet und konzentrierte sich zunächst auf die Analyse, Überwachung und Reform des EU-Kohlenstoffmarktes. Mit Stromanalysten und anderen Mitarbeitern ist Ember in der EU, in Großbritannien, der Türkei, Indien, China und in Indonesien vertreten.
Der Link zur Studie New lines of defence: how interconnectors keep the lights on
