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Blackout Spanien: Die Ursachen

18.06.2025
Am 28. April 2025 erlebten Spanien und Portugal den schwersten Stromausfall seit Jahrzehnten. Millionen Menschen waren stundenlang ohne Elektrizität, der Verkehr kam zum Erliegen, Mobilfunknetze fielen aus. 49 Tage nach dem Blackout auf der Iberischen Halbinsel hat die spanische Vizeregierungschefin und Ministerin für den Ökologischen Umbau, Sara Aagesen, den Bericht der von der Regierung eingerichteten Untersuchungskommission vorgelegt. Aagesen sprach von einem „multifaktoriellen“ Blackout und benannte eine zentrale technische Ursache: fehlende Blindleistung.

Blindleistung ist eine elektrische Energieform, die in privaten Haushalten und Unternehmen nicht verbraucht wird, aber für den Betrieb eines stabilen Stromnetzes unerlässlich ist. Sie baut die notwendige Wechselspannung auf und sorgt dafür, dass diese immer im vorgegebenen Bereich bleibt. Technisch unterscheidet man zwischen induktiver Blindleistung (diese wird bei zu hoher Spannung entnommen) und kapazitiver Blindleistung (diese wird bei zu niedriger Spannung bereitgestellt). Damit genügend Anlagen in Bereitschaft sind, erstellen die Übertragungsnetzbetreiber jeweils am Vortag Verbrauchsprognosen, und ein Regelprozess schaltet Kraftwerke - je nach Bedarf - automatisch zu oder ab. Ohne ausreichende Blindleistung können Spannungen im Stromnetz nicht reguliert werden, was beim Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel fatale Folgen hatte.

Die Stromkatastrophe begann dort kurz vor 12:33 Uhr mit einem Ausfall in einem Umspannwerk in der Provinz Granada. Nur Sekunden später fielen weitere Anlagen in Badajoz und Sevilla aus. Innerhalb von 20 Sekunden brach die Stromerzeugung in diesen Regionen um 2,2 Gigawatt ein. Eine Kettenreaktion folgte: Die Frequenz im Netz geriet aus dem Gleichgewicht. Notabschaltungen griffen – der sogenannte „kaskadierende Ausfall“ war nicht mehr zu stoppen. Das gesamte Stromnetz der iberischen Halbinsel kollabierte.

Als zahlreiche Kraftwerke kurzfristig vom Netz gingen, stieg die Spannung im Netz rapide. Und damit fiel auch die Blindleistung weg, die sie bislang geliefert hatten. Der Netzbetreiber Red Eléctrica hatte am Vortag nur zehn spannungsstabilisierende Kraftwerke eingeplant – die niedrigste Anzahl seit Jahresbeginn. Eine dieser Anlagen wurde kurzfristig abgemeldet, ein Ersatz stand jedoch nicht zur Verfügung. Als dann mehrere hundert dezentrale Anlagen sowie drei große erneuerbare Erzeuger ausfielen, geriet das Netz endgültig aus dem Gleichgewicht.

Der Regierungsbericht kritisiert unklare Zuständigkeiten, mangelhafte Koordination und veraltete technische Standards. Einige Kraftwerke hätten entgegen ihrer Verpflichtung nicht auf Spannungsanweisungen reagiert – manche speisten sogar Blindleistung ein, wo sie hätte entnommen werden sollen. Auch automatische Schutzmaßnahmen wie Lastabwürfe wirkten in dieser Situation kontraproduktiv, da sie die Spannung im Netz weiter steigen ließen. Aagesen warf dem Netzbetreiber REE vor, die Stromproduktion an jenem Tag nicht mit der „nötigen Vorsicht“ geplant zu haben. REE habe nicht genügend Anlagen in den Mix eingeplant, die – anders als etwa Sonne und Wind – die Netzschwankungen abfedern können. Das können vor allem Wasser- und Gaskraftwerke, da sie den Strom per Turbine erzeugen und deshalb schnell reagieren können.

Die Ministerin: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es an Ressourcen zur Spannungsregelung mangelte. Dies lag entweder daran, dass diese nicht ausreichend eingeplant waren, die eingeplanten Ressourcen nicht ausreichten oder beides zutraf. Es lag jedoch nicht daran, dass es im Land an Ressourcen mangelte, denn es gab mehr als genug Kraftwerke, um den Bedarf zu decken.“ REE-Chefin Beatriz Corredor widerspricht den Untersuchungsergebnissen der Regierung in einem Gegenbericht. Die Schuld liege demnach bei den Energieerzeugern Iberdrola, Endesa und Naturgy, die die Kraftwerke betreiben, die als Puffer vorgesehen waren, nicht bei REE.

Das Problem war also nicht der Mangel an Strom, sondern an Steuerungsfähigkeit. Blindleistung kann nicht aus dem Ausland bezogen werden; sie muss lokal bereitgestellt werden – durch Kraftwerke, die mit dem jeweiligen Netz verbunden sind. Auch wenn viele der ausgefallenen Anlagen Photovoltaik- oder Windkraftwerke waren, betonen Experten: Der hohe Anteil erneuerbarer Energien war nicht ursächlich für den Blackout. Die Energiewende macht Stromausfälle wie diesen auch nicht wahrscheinlicher: Zwar gehen mit den Kohlekraftwerken und Atomkraftwerken auch die Blindleistungspotenziale vom Netz. Deren Dämpfungsleistung übernehmen aber neue Kompensationsanlagen, die in Umspannwerken eingebaut werden. Entscheidend sei, dass viele dieser Anlagen noch nicht mit netzstabilisierender Technik wie modernen Wechselrichtern ausgestattet sind. Entsprechende Vorschriften existieren bereits, sind aber in Spanien noch nicht flächendeckend umgesetzt.
 
 
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